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19.3.2010 : 20:08 : +0100

Das Abhorchen der kindlichen Herztöne

...liefert nicht nur Informationen über den Zustand des Kindes, sondern der Geburtshelfer kann auch etwas über die Lage des Kindes im Mutterleib erfahren. Die Seite, auf der der Herzschlag am deutlichsten zu hören ist, birgt unter sich, bis auf Ausnahmen wie z.B. Gesichtslagen während der Geburt, den Rücken des Kindes. Hört man die Herztöne nur unterhalb des Nabels, so spricht das für eine Schädellage, sind sie dagegen nur oberhalb des Nabels lokalisiert, liegt am ehesten eine Beckenendlage vor. Ph. Legoust kannte bereits 1650 die kindlichen Herztöne, ein Wissen, das aber wieder in Vergessenheit geriet. Über die Auskultation des mütterlichen Bauches durch Ohrauflegen berichtete dann erstmals Wrisberg aus Göttingen im Jahre 1766. Die Auskultation hörbarer kindlicher Bewegungen diente ihm zum Feststellen der Schwangerschaft. Einige Hinweise sprechen dafür, dass er 1772 auch schon Herztöne registriert hat.

Rundgang

Stethoskop nach G. Winter

gefertigt aus Holz

Stethoskope aus Metall

Stahl und Aluminium (rechts)

Stethoskope

gefertigt aus Weichholz

Stethoskope

gefertigt aus Hartholz

Stethoskop

gefertigt aus Holz, mit abnehmbarer Hörmuschel

Stethoskop

gefertigt aus Holz, mit abnehmbarer Hörmuschel, hier funktionsbereit

Stethoskope nach A. Pinard

gefertigt aus Holz

1818 nahm F. I. Mayor in Genf beim Abhorchen von Bewegungen auch Herztöne wahr. Ihre klinische Bedeutung erkannte 1822 schließlich L. de Kergaradec.


Die ersten Hörrohre wurden entwickelt, weil der Anstand es verbot, das Ohr auf die Haut zu legen und diese Untersuchung sehr unbequem war, aber auch, um den Arzt bei "unreinen Bauchdecken" (Exanthem und Skabies) zu schützen. Um Überlagerungen mit Geräuschen aus der mütterlichen Aorta zu vermeiden, musste der Horchende darauf achten, den Trichter des Stethoskops nicht zu fest in die Bauchdecken einzudrücken. Zur Anwendung L. Seitz 1907:

"Der Leib muss entblösst sein; ein zwischengelegtes Handtuch oder Hemd bedingt störende Nebengeräusche. Man kann mit dem direkt aufgelegten Ohr oder mit dem Stethoskop hören. Das letztere ist im allgemeinen vorzuziehen. Nur bei besonders empfindlichen oder geschwollenen Bauchdecken ist direktes Hören mit dem aufgelegten Ohr besser am Platz. Mit dem Stethoskop lässt sich ein hörbares akustisches Phänomen genauer lokalisieren. Das Stethoskop lässt auch besser Nebengeräusche ausschalten. Man soll es nicht mit der Hand halten, sondern durch leichten Druck mit dem Kopf fixieren. Das untere Ende soll rings herum der Bauchwand anliegen. Die Haltung des Auskultierenden muss eine ungezwungene sein, was ebenfalls mit dem Stethoskop leichter erreicht wird als bei Auskultation mit dem blossen Ohr. Es entsteht sonst oft Kopfkongestion mit störenden Eigengeräuschen. Natürlich muss Ruhe im Zimmer herrschen."

Der gehörte Herzschlag wurde über Jahrzehnte, wenn überhaupt, nur zur Diagnose der Schwangerschaft oder zum Nachweis des Lebens des Kindes verwendet. Nicht mehr vorhandene kindliche Herztöne wurden im 19. Jahrhundert zunehmend zum Anlass genommen, bestimmte geburtshilfliche Operationen nicht durchzuführen oder durch andere Methoden, wie die der Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterKraniotomie, zu ersetzen. So war spätestens ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterEmbryotomie erst erlaubt, wenn die kindlichen Herztöne nicht mehr vorhanden waren. Ende des 19. Jahrhunderts war jedoch bei einer sterbenden oder frisch verstorbenen Frau noch vorhandener kindlicher Herzschlag eine Indikation zum Kaiserschnitt, um wenigstens das kindliche Leben zu retten.

"Schlechte Herztöne", wie eine Herzfrequenz von weniger als 120 oder mehr als 160 Schlägen pro Minute zeigen auch heute noch eine Gefährdung des Kindes an. Sie waren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein bereits bekannter Hinweis auf einen Sauerstoffmangel und drohenden Kindstod, wurden aber erst ab den 1880iger Jahren in einigen Einrichtungen zur Indikation für eine rasche Geburtsbeendigung durch die Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterZange. P. Zweifel, H. Fehling und F. Ahlfeld führten in den Lehrbüchern 1881, 1889 bzw. 1898 die schlechten Herztöne schon als eine wichtige Indikation für eine Geburtsbeendigung durch die Zange auf, während andere Geburtshelfer das Abhören des Herzens weiterhin ignorierten. Im v. Winckelschen "Handbuch der Geburtshülfe" von 1907 wird bei schlechten Herztönen die Zange definitiv gefordert:

"Sobald einmal die kindlichen Herztöne während einer einzigen Wehenpause unter 100 Schläge in der Minute sinken, ist das Kind ernstlich gefährdet und die Geburt muß sofort künstlich beendigt werden."

Dagegen war Schauta noch 1914 der Meinung, dass eine Lebensbedrohung des Kindes zwar ein Grund für eine Zange sein kann, aber nicht zwingend sein muss. Die Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterZange war und ist jedoch nur in der letzen Phase der Geburt möglich. In der Eröffnungsphase war das Kind meist verloren, wenn es nicht noch bis zur Austreibungsphase "durchhielt". Zweifel lehnte 1881 einen Kaiserschnitt wegen schlechter Herztöne strikt ab. Das ist verständlich, wenn man weiß, dass die Sterblichkeit des Kaiserschnittes damals bis zu 85% betrug. Auch noch bis mindestens 1915 gehörten schlechte Herztöne nicht zu den Indikationen der Kaiserschnittes. Etwa ab 1920 wurden Kaiserschnitte auch allein aus kindlichen Gründen durchgeführt, "wenn einem am Kindsleben besonders viel gelegen war."

Um 1900 wurden die geburtshilflichen Hörrohre aus Ebenholz, Zedernholz, Elfenbein, Metall, Aluminium, Zelluloid, Hartgummi und sogar aus Glas gefertigt. Am weitesten verbreitet waren Holzstethoskope, häufig war aber auch der Schaft aus Metall und nur die Hörmuschel aus Hartgummi, Elfenbein oder Zelluloid. Die schlanken Hörrohre verbreiterten sich nach unten zu einem Trichter, der dem Bauch der Schwangeren aufgesetzt wurde. Oben befand sich ein flacher Hörtrichter für das Ohr des Arztes oder der Hebamme.