Es gibt sie heute noch
Nur die Geburtszange hat von allen in der Geburtshilfe eingesetzten Instrumenten den Lauf der Entwicklungen überdauert. Ihre Form und die Indikationsstellung wurden über die Jahrhunderte zwar immer wieder modifiziert, doch an ihrem Prinzip - das Kind am Kopf gefasst durch den physiologischen Geburtsweg zu entwickeln - hat sich bis heute nichts geändert. Diese Methode hatte sich bei verschiedenen Geburtskomplikationen als geeignet erwiesen, das Leben des Kindes und die Gesundheit der Mutter zu retten.
Kindslagen
Die Anwendung und Handhabung der Geburtszange gestaltet sich unterschiedlich je nach der Lage des Kindes zum Geburtskanal. Dabei spielt die entscheidend Rolle die Haltung des Kindskopfes im knöchernen Becken, welche Größe hat der Kindskopf, steht der Kopf im Beckeneingang, in Beckenmitte oder bereits auf dem Beckenboden; liegt Schädelfläche, Stirn oder Gesicht voran, und in welche Richtung ist der Kopf rotiert.
Gesichtslage mit Kinn nach vorn
Stirnlage
Gesichtslage mit Kinn nach hinten
Geschichte der Geburtszange

- J. Palfyns Zange "les mains de Palfyn"
Was die Geschichte der Geburtszange betrifft, ist vor allem ihr Beginn in "merkwürdiger Weise in ein geheimnisvolles Dunkel gehüllt, wovon die Geheimniskrämerei und die niedrige Sucht nach Geldgewinn Ursache waren". Die genaue Datierung ist durch historische Notizen schwer bestimmbar, aber ihre Verbreitung wird ungefähr Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts vermutet.
Die meisten Autoren sind sich darin einig, dass die erste Version einer Zange bei Peter Chamberlen dem Älteren (1560-1631) zu suchen ist, einem Geburtshelfer am englischen Hof. Das Wirkungsprinzip und die Anwendung müssen von der ersten Version an ziemlich erfolgreich gewesen sein, und Chamberlen wird oft dafür verurteilt, dieses bei schweren Geburten lebensrettende Instrument durch strenge Geheimhaltung erst einmal sich und seinen Nachkommen vorbehalten zu haben, um daraus Profit zu schlagen. "Lockend war es daher für die Besitzer dieses Geheimnisses, wie man es damals ansah, es entweder für sich zu behalten, oder solches gegen großen Gewinn an andere zu verkaufen, ein Vorwurf, der besonders den Engländer Hugh Chamberlen (1665) und holländische Geburthelfer treffen muss".
Einigen besonnenen Geburtshelfern gelang es, ein ähnliches Instrument zu entwickeln, und John Palfyn, ein ehrlicher und gemeinnützig denkender Wundarzt aus dem flandrischen Gent, legte seinen, wenn auch noch unvollkommenen Prototypen "les mains de Palfyn" 1723 der Pariser Akademie vor. Endlich an die Öffentlichkeit gelangt, wurde das Prinzip der Geburtszange schnell aufgenommen, modifiziert und verbessert. Ein zunehmend anerkanntes Modell wurde die Zange jedoch erst, nachdem der Engländer William Smellie (1697-1763), ein begnadeter Praktiker und genauer Beobachter des Geburtsmechanismus, seine kleine ungekrümmte Zange mit Fugenschloss erfand, und nachdem André Levret (1703-1780) in Frankreich, ein berühmter Lehrer und Theoretiker der Geburtshilfe, ein Modell mit Beckenkrümmung entwickelte.
Die Geburtszange trat einen regelrechten Triumphzug durch Europa an, und die Geburtshelfer, die sie entscheidend weiterentwickelten, gehören zu den berühmtesten in der Geschichte der Geburtshilfe. Auch lässt sich an der Entwicklung der Geburtszange deutlich die Herausbildung der verschiedenen geburtshilflichen Schulen Europas verfolgen, denn wie bei jeder Neuentdeckung schieden sich auch an dieser in gewissen Fragen die Geister.
Überdies unterschieden sich die Schulen vor allem in der Indikationsstellung zur Zangenoperation: dem natürlichen Lauf der Dinge freien Lauf zu gewähren bis zum Eintritt einer lebensbedrohlichen Situation, oder die Mutter durch zügige Beendigung der Geburt zu entlasten, folglich der Eingriff ohne Notindikation.
Demzufolge wurde die Zange in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Epochen mal zögerlicher, mal exzessiver angewendet. In England zum Beispiel wurde von den prominenten Geburtshelfern eine eher konservative Haltung praktiziert und gelehrt. Es wurde länger - auf die Naturkräfte vertrauend - auf eine spontane Niederkunft zugewartet mit dem Nachteil, dass es dort viel häufiger zu gescheiterten Geburten und zerstückelnden Operationen kam. In Frankreich hingegen, wo wesentlich eilfertiger operativ eingegriffen wurde, litten Gebärende und "Geburtsobjekt" vermehrt unter den Unfällen und Komplikationen der Zangenoperationen.
Die Schäden, die der Mutter oder dem Kind zugefügt werden können, reichen von leichten Schleimhautquetschungen bei der Mutter bis zur gefährlichen Zerreißung des unteren Uterinsegmentes, und beim Kind von kleinen Hautläsionen bis zum tödlichen Schädelbruch.




