Instrumente zur Blutstillung bei verstärkten Blutungen in der Nachgeburtsperiode
L. Heister im Jahre 1719
"Inzwischen aber soll man der Patientin, gleichwie dem anderen starcken Verbluten, offt warme kräfftige Brühen oder warm Bier, oder warme Milch zu trincken geben, damit die ausgeleerte Adern sich bald wieder füllen mögen: und wenn hierauf die Frau sechs Stunde überlebt, wird sie gemeiniglich darvon kommen; wenn sie aber stirbt, geschiehet solches wegen des starcken Verblutens, als weßwegen öffters schwangere Frauen sterben müssen."
In der Nachgeburtsperiode ist ein Blutverlust von 200-300 ml, höchstens 500 ml physiologisch. Alles, was darüber liegt, wird als verstärkte Nachgeburtsblutung bezeichnet und bedarf ärztlicher Behandlung.
Man unterscheidet verschiedene Arten der Nachgeburtsblutung:
- Plazentarblutung bei unvollständiger Lösung der Plazenta oder bei Uterusatonie
- Uterusatonie nach vollständiger Lösung der Plazenta
- Rissblutung (evtl. zugleich mit atonischer Blutung)
Der Verschluss der Gefäße des Uterus wird im wesentlichen durch dessen Kontraktion bedingt. Verbleibende Plazentareste in der Gebärmutter verhindern an dieser Stelle eine wirkungsvolle Kontraktion und das Blut kann sich ungehindert in die Gebärmutterhöhle ergießen. Bei einer Uterusatonie (mangelhafte oder fehlende Kontraktion des Uterus) kann der Blutverlust für die Mutter lebensgefährlich werden. A. E. Siebold (1775-1828) beschrieb das schon 1812 in seinem "Lehrbuch der theoretischen Entbindungskunde":
"Die Folgen des Blutflusses, welche durch gewisse Umstände bestimmt werden, können Entkräftung, Ohnmachten, Zuckungen und ein schneller Tod seyn. Uebrigens äussern sich die Nachtheile des Blutverlustes nicht immer gleich nach der Geburtsondern erst später für die folgenden Schwangerschaften, Geburten und das ganze weitere Leben einer Frau."
Eine Förderung der Retraktion des Uterus führt fast immer zur Blutstillung. Die Blutgerinnung ist dabei sekundär, da die Größe der Gefäße eine Blutstillung allein durch Gerinnung gar nicht zuließe. Die Behandlung der Uterusatonie ist somit eine völlig andere als die der Rissblutungen, bei denen die Blutung aus verletzten Weichteilen kommt. Vor allem Zervix- und Scheidenrisse sowie Klitoris- oder Labienrisse, seltener Blutungen aus Episiotomiewunden sind hier zu nennen.
Der Einsatz von Instrumenten bei der Behandlung dieser Blutungen wird in heutigen Lehrbüchern nicht mehr beschrieben und war auch früher nicht Mittel der ersten Wahl.
Bei Rissblutungen mussten diese genäht werden. Rein palliativ konnte eine
Aortenkompression erwogen werden. Befanden sich Plazentareste im Uterus, musste der Uterus unter streng aseptischen Bedingungen ausgetastet und die Fremdkörper entfernt werden.
Bei reiner Uterusatonie wurden zuerst folgende Schritte unternommen:
- Katheterisierung der Blase, da eine gefüllte Blase die Wehen hemmt
- kreisförmiges Reiben des Uterus durch die Bauchdecken zur Kontraktionsanregung, eventuell Druckausübung nach Art des Credéschen Handgriffes
- Heiße Uterusspülungen mit Applikation von Medikamenten (Mutterkornalkaloiden)
Führten diese Maßnahmen nicht zum gewünschten Ergebnis, wurde nun überprüft, ob tatsächlich keine Plazentareste in der Gebärmutter verblieben waren. Erst wenn dies sichergestellt war, griff man zum nächsten Mittel, der
Staffeltamponade des Uteruscavums und der Scheide, wie sie A. Dührssen (1862-1933) in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in die Geburtshilfe einführte.
Diese schnell beliebt werdende Methode galt als sicheres Mittel, da die verwendeten Gazetampons als Fremdkörper einen starken Kontraktionsreiz boten und darüber hinaus die blutenden Venen direkt an der Plazentarstelle komprimierten. Als weitere wirkungsvolle Methode sollte nach Ansicht einiger Geburtshelfer auch die Aortenkompression versucht werden, da sie nicht nur durch die Abdrosselung der Blutzufuhr zum Uterus blutstillend wirkte, sondern nach ihrer Meinung auch durch Sauerstoffmangel und Kohlensäureüberladung Uteruskontraktionen erzeuge. Andere Geburtshelfer hielten die Aortenkompression nur bei Rissblutungen für berechtigt.
Aufgrund der Hilflosigkeit bei den meist sehr starken und lebensbedrohlichen Blutungen war die Kompression der Aorta aber immer ein probates Mittel für eine kurzfristige Reduzierung der Blutung, bis andere Methoden greifen konnten.
Als ultima ratio konnte nach Scheitern all dieser Versuche nur noch die Totalextirpation des Uterus helfen.

