Anatomie des Beckens
Die knöchernen Strukturen des Beckens gleichen zwei ineinander gesteckten verschieden großen Trichtern. Den größeren (großes Becken) bilden die beiden Darmbeinschaufeln, dieser spielt beim Geburtsvorgang keine Rolle. Der kleinere Trichter, das sogenannte kleine Becken bildet Form und Begrenzungen des Geburtskanals und ist relativ unflexibel; es wird hinten durch den Vorberg (Promontorium) und das Kreuzbein (Os sacrum, Heiligenbein) und vorne durch die Schambeine (Os pubis) abgeschlossen, die an der Schambeinfuge miteinander knorpelig verbunden sind. So bildet das kleine Becken einen in sich geschlossenen Knochenring.
Die Weichteile, zu denen Gebärmutter, Scheide und der muskuläre Beckenboden gehören, sind unter der Geburt gut dehnbar. Zerreißungen der Scheide und des Dammes haben größtenteils keine schwerwiegenden Konsequenzen, die des Uterus jedoch sind lebensgefährlich. Für den ungehinderten Durchtritt der Leibesfrucht müssen die knöchernen Strukturen vor allem des Beckeneingangs und in der Tiefe des Beckens einen Mindestdurchmesser haben, der es dem Kopf als größtem Teil des (normalen) Kindes gestattet zu passieren.
Die Beckendurchmesser
Die obere Öffnung des kleinen Beckens, der Beckeneingang, ist queroval bzw. herzförmig, weshalb es an ihm zwei verschiedene Durchmesser zu berechnen gilt: die Conjugata transversa (querer Durchmesser) von Beckenseite zu Beckenseite und, von größerer Bedeutung, die Conjugata vera/obstetrica von dem am weitesten ins Becken ragenden Punkt des Vorberges zu dem der Hinterfläche der Schambeinfuge.
Im Geburtskanal erfolgt eine Drehung des Querdurchmessers von der Eintrittsebene im Beckeneingang in den Längsdurchmesser der Austrittsebene des Beckenausgangs um 90°; zusätzlich hat die Beckenachse eine nach hinten konvexe Form. Abgesehen davon, dass kindlicher Kopf und Beckenstrukturen so passgenau aufeinander abgestimmt sind, dass nur wenig Spielraum bleibt, muss der Kopf den anatomischen Gegebenheiten durch Beugung und Drehung folgen, um geboren werden zu können. Die Ausprägung der knöchernen und weichen Strukturen unterliegt zudem noch physiologischen individuellen Unterschieden.
Bis in das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts, als der Kaiserschnitt noch nicht zu den sicheren Entbindungsmethoden gehörte und Beckendeformitäten durch Krankheiten wie Rachitis, Spondylitis, Osteomalazie häufig waren, konnte eine Schwangerschaft für eine Frau mit verengtem Becken ohne Hilfe schnell zur Lebensgefahr für sie selbst und das Kind werden. L. J. Boër beschreibt die Problematik 1791:
"Es gibt unter dem weiblichen Geschlecht Individuen, welche ein zum Gebärgeschäfte übel gestaltetes Becken haben. Bey manchen derselben ist die Mißgestaltung nicht gar beträchtlich, und man kann im Falle der Noth den Kopf des Kindes, mit Wahrscheinlichkeit dabey das Kind am Leben zu erhalten, mittels der Zange oder des Hebels herausbefördern. Bey anderen sind die Beckenöffnungen so enge, daß der Kopf nicht allein nicht lebendig, sondern auf keine Weise unzerstückelt aus der Gebärmutter zu bringen ist. Seltener sind zum Glück jene äußerst fehlerhaften Becken, bey welchen man wegen allzu beträchtlicher Enge nicht einmal die Zerstückelung des Kindes unternehmen kann."

- normales Becken

- rachitisch plattes Becken

- Naegelesches schrägverengtes Becken

- osteomalazisches Becken
Für die Behandlung der Beckenenge unter Erhaltung des kindlichen Lebens kamen damals folgende Möglichkeiten in Betracht:
- Verkleinerung des Geburtsobjekts durch
Zerstückelung,
- Erweiterung des Beckens durch Zersägen der knöchernen oder knorpeligen Strukturen
(Pubotomie/Symphyseotomie)- Abdominale Schnittentbindung unter Riskierung des mütterlichen Lebens
(Mortalität des Eingriffs Ende des 19. Jahrhunderts: 85 %)- Einleitung einer Frühgeburt




