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20.3.2010 : 19:23 : +0100

Sammlung


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Eine geschichtliche Betrachtung

"Die Geburt ist wohl der risikoreichste Augenblick im Leben jedes Menschen,..."

so steht es noch in einem modernen Lehrbuch der Geburtshilfe aus dem Jahr 2001 geschrieben. Das Risiko für das ungeborene Kind, unter der Geburt zu sterben ist heutzutage jedoch dank optimierter Vorsorge und der Möglichkeit zum Kaiserschnitt in modernen Krankenhäusern sehr niedrig geworden. Teilweise wird der Kaiserschnitt heute sogar auf Wunsch der Mutter ohne medizinische Indikation durchgeführt. Blickt man aber in der Zeit zurück, erkennt man, dass dies keineswegs immer so war. Die abdominale Schnittentbindung war bis Ende des 19. Jahrhunderts wegen ungenügender Erkenntnisse in Analgesie und Antisepsis und aufgrund der häufig viel zu spät getroffenen Entscheidung zum Eingriff mit einer ausgesprochen hohen Mortalität verbunden (bis zu 85%).

Drei wesentliche Probleme bestimmten in früherer Zeit den geburtshilflichen Alltag:

  • Missverhältnis zwischen kindlicher Größe und mütterlichem Becken, v. a. bedingt durch Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterFormveränderungen des weiblichen Beckens im Gefolge von Rachitis und Osteomalazie,
  • der Kindstod im Mutterleib vor der Niederkunft und
  • das Kindbettfieber.

 

Das räumliche Missverhältnis hatte einen Geburtsstillstand zur Folge, der unbehandelt erst den Tod des Kindes und danach den der Mutter nach sich gezogen hätte. Hier wird das seinerzeit bestehende Bedürfnis nach einem Hilfsinstrumentarium und unterstützenden Techniken verständlich.

Als große Errungenschaft muss die Wendung auf die Füße gewertet werden, durch die bereits ohne Instrumenteneinsatz viele der Kinder gerettet werden konnten, die vorher hätten aufgegeben werden müssen. Die Einführung der Geburtszange reduzierte den Anteil der tragischen Geburtsausgänge noch einmal deutlich. Dennoch trat weiterhin der Fall ein, dass trotz dieser Hilfsmittel das Kind den Geburtskanal nicht passieren konnte. Hier nun entschied man sich zu einer zerstückelnden Operation des im Mutterleib verstorbenen Kindes, um wenigstens das Leben der Mutter zu erhalten. Aus dem Bereich dieser Eingriffe stammen die furchteinflössenden Kranio- und Embryotomieinstrumente. Die Drastik ebendieses Instrumentariums spiegelt jene Auswirkungen wider, die sich ereignen, wenn die Naturkräfte außer Kontrolle geraten.

Die praktische Geburtshilfe wurde bis ins 17. Jahrhundert hinein fast ausschließlich von Hebammen ausgeübt. Auf diese Weise entwickelte sich früh ein relativ autonomer und  gut organisierter Hebammenstand. Auch die Ausbildung, welche anfänglich durch mündlich tradiertes Wissen von Hebamme zu Hebamme erfolgte und von einem guten Teil Aberglauben und zweifelhaften Erfahrungswerten geprägt war, wurde professionalisiert durch selbst verfasste Lehrbücher und durch die Gründung von Hebammenschulen.

Männern wurde die Anwesenheit bei einer Niederkunft lange verweigert. Im 17. Jahrhundert durfte der französische Wundarzt François Mauriceau in der Gebärabteilung des Hôtel Dieu auf der île de la cité zu Paris Geburten beobachten, bis zu diesem Zeitpunkt eine große Ausnahme. Als Ergebnis seiner Beobachtungen verfasste er daraufhin ein geburtshilfliches Lehrbuch mit einer Sammlung von Fallbeschreibungen. Es erschien, wie auch die Hebammenlehrbücher nicht im Gelehrtenlatein, sondern in der Landessprache.

Seitdem die pathologische Geburt vor drei Jahrhunderten endlich wissenschaftlicher Gegenstand und praktische Herausforderung wurde (beeinflusst auch vom französischen absolutistischen Staat, in dem jedes Neugeborene zu einem weiteren Untertan heranwachsen sollte) erweiterte sich schließlich die ärztliche Einflussnahme auf dem Gebiet der Praxis. Damit verringerten sich kontinuierlich die Gefahren einer komplizierten Geburt.

Entscheidende Erkenntnisse zum Geburtsmechanismus hatten der Engländer William Smellie (1679-1763), der den Bezug zwischen den einzelnen Beckenzonen und dem kindlichen Kopf herstellte, sein französischer Kollege André Levret, der die Begriffe Beckenein- und Beckenausgang prägte und der Deutsche Franz Carl Naegele (1778-1851), der mit seiner Schrift ?Über den Mechanismus der Geburt? eine noch heute gültige Darstellung der Geburtsmechanik verfasste.

Anfänglich war der Beruf des Geburtshelfers, wie auch der des Chirurgus und Wundarztes, ein Beruf ohne akademische Ausbildung, und noch als Ärztestand waren die Geburtshelfer den routinierten Hebammen im praktischen Können unterlegen.

Die Einführung neuentwickelter geburtshilflicher Operationsmethoden jedoch stellt die entscheidende Errungenschaft der akademischen Geburtshilfe zur Verminderung der Mütter- und Kindersterblichkeit dar und es waren beinahe ausnahmslos Geburtshelfer, die das geburtshilfliche Instrumentarium dazu entwickelten.