Historischer Stellenwert der Greifswalder Sammlung
Im Vergleich mit zwei weiteren Sammlungen in Deutschland, jener der Göttinger Georg-August-Universität und der der Berliner Charité, entstammen die geburtshilflichen Instrumente der Greifswalder Sammlung hauptsächlich dem Zeitraum vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, die Greifswalder Sammlung folgt somit chronologisch jenem Bestand, den die Sammlung in Göttingen dokumentiert. Indem hauptsächlich von F. B. Osiander begonnenen Göttinger Archiv befinden sich beeindruckende Zeugnisse des 17. und 18. Jahrhunderts sowie einiges aus dem frühen 19. Jahrhundert. So finden sich dort u.a. die Originalmodelle der Geburtszange nach William Smellie, die Geburtszange nach André Levret, das Sichelmesser nach François Mauriceau und die Knochenzange nach Mesnard-Stein.
Die Sammlung der Berliner Charité enthält Instrumente aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert. So befinden sich dort etwa die viel zitierte Forceps-céphalotribe nach A. Baudelocque sowie Palfyns Geburtszange (les mains de Palfyn), doch fehlen für eine kontinuierliche chronologische Dokumentation entscheidende Instrumente.
Die Sammlung der Greifswalder Universitätsklinik stellt insofern eine wichtige Ergänzung für ein vollständiges Bild der Entwicklung der operativen Geburtshilfe in den Gebäranstalten und Geburtshäusern des 19. und 20. Jahrhunderts dar, zwei Jahrhunderten in denen die rasant fortschreitende Wissenschaft auch in der Geburtshilfe große und entscheidende Schritte gemacht hat. Die Greifswalder Sammlung dokumentiert z.B. die Evolution der Kranioklasten
und die Weiterentwicklung der Achsenzugzangen
, nicht zuletzt befinden sich dort noch Raritäten wie der Transforateur nach Hubert, der Dilatator nach Bossi
oder der Kephalothryptor nach Ritgen
.
Ein kurzer Überblick

- Spende von Dr. Pietsch aus Anklam
In den Bestand des "Museums" sind mehrere Instrumenten- und Gerätespenden aus ganz Deutschland z. B. aus Anklam (CA Dr. Pietsch), Bremen (Dr. Wenig), Greifswald (Prof. Dr. Hüttner) Hamburg (Dr. Seidl), Karlsruhe (Drs. Weinschenk und Scherer), Köln (Prof. Dr. Römer), Rostock (Prof. Dr. Schwarz), Stettin (Dr. Grobelny), Berlin (Dr. Wernecke, AHV Turnerschaft Markomanno-Teutonia Greifswald) und von Besuchern eingegangen, die zum Teil direkte Spenden an das Museum oder persönliche Schenkungen an G. Köhler waren.

- Scheidenpulverbläser
Die internationale Kollektion von
Scheidenpulverbläsern zur Kontrazeption ist an keinem Ort Deutschlands in diesem Umfang ausgestellt. Der Bestand umfaßt mittlerweile 8 Instrumente. Daneben finden sich auch
Scheidenspülapparate,
Zäpfchen und Cremes vom Beginn des 20. Jahrhunderts sowie
Portiokappen und
Occlusivpessare einschließlich der Einführungsstäbe zur Schwangerschaftsverhütung sowie ein
Scheidenzäfchenautomat aus einer Damentoilette der 50iger Jahre. Patentex, das heute noch zur Verhütung Verwendung findet, gab es schon 1925. Neu hinzugekommen ist ein Einführungsgerät für kontrazeptive Tabletten. Zu sehen ist auch ein als Füllfederhalter "getarntes"
Basaltemperaturthermometer.

- Intrauterinpessare aus Buchsbaumholz
Zum Bestand gehören auch
Intrauterinpessare aus Elfenbein und Buchsbaumholz vom Beginn des 19. und solche aus Aluminium bzw. Kupfer, Glas oder Gold vom Beginn des 20 Jahrhunderts. Darunter befindet sich ein kompletter Einführungssatz für Intrauterinpessare aus dem Jahre 1904. Im Jahre 2004 hat H. Spies (Hagenow) noch ein Original Gräfenbergpessar der Sammlung übergeben. Die Intrauterinpessare wurden ursprünglich übrigens zur Behandlung der Sterilität eingesetzt. Dieser Teil der Ausstellung gilt als umfangreichste Sammlung an historischen kontrazeptiven Mitteln/Instrumenten in Deutschland.

- Erstes Kolposkop der Welt
Zwischenzeitlich handelt es sich um die größte zusammenhängende geburtshilflich-gynäkologische Sammlung in Deutschland mit einigen sehr seltenen oder auch einmaligen Instrumenten, zu denen u. a. das erste Kolposkop der Welt aus dem Nachlass von Hinselmann gehört.

- Kephalotryptor 18. Jahrhundert
Neben Hysterophoren, zahlreichen
Stütz- und
Hebelpessaren,
Radiumträgern und
"Tripperspritzen" sind
geburtshilfliche Hebel aus dem 18 Jahrhundert ebenso wie 13
geburtshilfliche Stethoskope, 32 verschiedene
Zangenmodelle, unterschiedliche
Beckenzirkel zu sehen.
Dazu gehören auch mehrere
Kephalotryptoren und -traktoren sowie zahlreiche Instrumente zur
Embryotomie bzw.
Dekapitation.
Eine auffällige Vielfalt findet sich mit über 60 Einzelinstrumenten bei den
Uterusdilatatorien, die mit Hegar-Stiften aus Hartgummi und Laminariastiften beginnen und über den groben dreiarmigen Dilatator nach D. W. H. Busch vom Beginn des 19. Jahrhunderts, den Metranoikter und den mechanisch aufwändigen Dilatator nach Bossi und Mensinga bei Metreuryntern aus Gummi und Metall enden.

- Gasbett aus dem 2. Weltkrieg
Seltenheitswert hat auch ein Gasbett für Neugeborene aus dem 2. Weltkrieg. Ausgestellt sind auch ein Pompejanisches Speculum sowie
Specula aus Zinn, Elfenbein, Porzellan, Holz und Glas. Als das erste spezifisch gynäkologisch-operative Instrument wird auch die Ovarialzystenstielklemme nach Spencer Wells gezeigt.

