Historie
Siegfried Stephan

- Im Direktorenzimmer der LFK Stettin
Der 1883 geborene Siegfried Stephan begann 1911 seine Ausbildung an der Univ.-Frauenklinik Greifswald, wurde bereits 1914 Oberarzt und habilitierte sich hier 1916. Im Jahr 1922 wurde Stephan zum außerordentlichen Professor ernannt und im gleichen Jahr als Direktor an das Hebammeninstitut Stettin gerufen. In Stettin erbaute er als eine der seinerzeit größten und modernsten Frauenkliniken Europas die 1931 eingeweihte Pommersche Landes-Frauenklinik. Stephan sammelte schon in seiner Greifswalder Zeit alte Instrumente und hatte später in Stettin im Erdgeschoss der Landes-Frauenklinik bereits einen gesonderten Raum für die Sammlung eingerichtet.
Geschichte der Sammlung
Thematisch und räumlich gliedert sich die Sammlung in die Bereiche:
Geburtshilfe,
Fetus und Neugeborenes,
konservative und operative Gynäkologie,
Klystiere,
Schwangerschaftsverhütungsmethoden und
geburtshilflich-gynäkologische Lehre.
Im Jahr 1976 wurde durch den damaligen Direktor der Univ.-Frauenklinik, Prof. Dr. med. E. Kraussold, der Autor, seinerzeit Facharzt an der Einrichtung, beauftragt, Material sowohl für den im Jahr 1978 stattfindenden 100jährigen Geburtstag der Klinik in der Wollweberstraße als auch für die 525-Jahrfeier der Universität im Jahr 1981 zusammenzustellen. Da die Klinik im Krieg keinerlei Verluste erlitten hatte, lagerten in verschiedenen Boden- und Kellerräumen des Hauses sehr umfangreiche Aktenmaterialien und Gerätschaften, mit deren gründlicher Sichtung nun begonnen wurde. Zu den Unterlagen gehörten u. a. sämtliche Geburtenbücher, Geburts- und Krankenberichte nicht nur der fast 100jährigen Klinik sondern auch des bereits 1826 in der Domstrasse gegründeten Geburtshülflichen Clinicums und Hebammeninstituts. In dem Aktenfundus befanden sich auch Geburten- Stations- und Operationsbücher der am 31.01.1945 in die Greifswalder Klinik evakuierten Univ.-Frauenklinik Königsberg und einige Akten aus der Landes-Frauenklinik Stettin. Es war übrigens ein glücklicher Umstand, dass die Unterlagen aus Königsberg damals nicht als solche erkannt worden sind. Da es nach DDR-Lesart Flucht und Vertreibung nicht gegeben hat, wären diese Dokumente mit hoher Sicherheit durch die Staatssicherheit beschlagnahmt und wahrscheinlich in der Versenkung verschwunden. Die Akten wurden erst nach der Wende identifiziert und zur Grundlage mehrer Publikationen und Vorträge, einer Promotion, eines kurzen Fernsehbeitrages und mehrerer Zeitungsartikel zur Geschichte der Univ-Frauenklinik Königsberg. Sie haben zudem zahlreichen Ostpreußen geholfen ihre Identität nachzuweisen.
Versteckt in einer Ecke
- Holzkisten mit Aufkleber "Stettin"
der Bodenräume über dem Hörsaal der Klinik lagerten auch zwei unscheinbare Holzkisten mit einem Aufkleber "Stettin". Beide Kisten waren randvoll mit alten geburtshilflich- gynäkologischen Instrumenten gefüllt. Obwohl es nahe lag, dass es sich um eine Sammlung des Direktors der ehemaligen Stettiner Landes-Frauenklinik Prof. Dr. S. Stephan handelte, war zu DDR-Zeiten eine Recherche bezüglich Stettins nicht möglich gewesen. Material über Stephan war an der Universität zudem kaum vorhanden. Erst nach der Wende konnte nach dem Auffinden von Sigrid Stephan (1922-2002), der einzigen Tochter von Stephan, die Gewissheit erlangt werden, dass es sich bei der Sammlung um das persönliche Eigentum Stephans gehandelt hat und damit zum Erbe von Frau Stephan gehörte. Frau Stephan verzichtete unter der Bedingung, dass die Sammlung im Verband der Frauenklinik verbleibt, zunächst auf eine Forderung zur Herausgabe der Instrumente. In den Händen der Tochter befanden sich übrigens noch weitere historische gynäkologisch-geburtshilfliche Instrumente aus der Stephanschen Sammlung. Inzwischen sind die Umstände im Zusammenhang mit der Sammlung mit Hilfe von Frau Stephan und der Akten aus dem persönlichen Nachlass von Prof. Stephan vollständig geklärt und seien hier auszugsweise wiedergegeben.
Während Fotos aus diesem Sammlungsraum fehlen,

- Sammlungsgebäude in Stettin
ist die Lage in den vorhandenen Rissen der Klinik genau markiert, die Sammlung befand sich im Untergeschoss des rechten Flügels, in dem auch der Hörsaal untergebracht war. Die Sammlung wurde nach Auskunft von Stettiner Hebammen auch in den Hebammenunterricht einbezogen. Stephan hatte sich schon in Greifswald zusätzlich intensiv der Medizinfotografie gewidmet. Zahlreiche Patientinnen- und Präparatefotos auf Hunderten von Fotoplatten aus der Zeit vor 1920 sind der Klinik erhalten geblieben und gehören zum Fundus der Sammlung. Die Sammelleidenschaft Stephans bezog sich übrigens auch auf alte Musikinstrumente, Waffen und Mobiliar mit vollständig eingerichteten Zimmern aus maurischen Möbeln, chinesischen Eisenholz-, Biedermeier- sowie Jugendstilmöbeln aber auch auf Gemälde, Skulpturen, Jade- und goldene Buddafiguren sowie Vasen aus der Mingzeit, um nur die wesentlichen Wertstücke zu nennen.
Die Stettiner Klinik

- Totenbett Stephan's
wurde im März 1945 zunächst in das Seebad Lubmin bei Greifswald evakuiert. Mit dem auf Lastkraftwagen erfolgten Evakuierungstransport konnte durch Stephan auch die geburtshilflich-gynäkologische Instrumentensammlung gesichert werden. Daneben wurden unter anderem auch für 200 Frauenbetten Wäsche, Patientinnenbedarf, Verbandmaterial und Verpflegung aber auch 672 Hemdchen und 1320 Jäckchen für Neugeborene mitgebracht. Gerettet wurde auch klinisches Instrumentarium mit mehreren geburtshilflichen und gynäkologischen Operationsbestecken, Narkosematerial bzw. ?geräten, Spritzen, Trommeln und Instrumententischen. Dagegen fielen bis auf wenige Ausnahmen die persönlichen Sammlungen und Kunstschätze Stephans in Stettin bzw. in den zum Schutz vor Bomben genutzten Auslagerungsorten sowjetischen Plünderungen zum Opfer. Erhalten blieben allerdings im persönlichen Stephanschen Nachlass eine vollständige Akten- und Bilddokumentation aller verlorenen Gegenstände und Kunstschätze sowie einige Kisten Dokumente aus der Stettiner Zeit. Diese Unterlagen wurden durch die Tochter noch zu deren Lebzeiten dem Autor übereignet. Stephan wurde im Mai 1945 Direktor der Univ.-Frauenklinik Greifswald und verbrachte die geburtshilflich- gynäkologische Sammlung somit an die Klinik. Er verstarb hier 1948 an Herzversagen. Auf dem Dachboden der Klinik abgestellt, geriet die Sammlung bedingt durch die Wirren der Nachkriegszeit bald in Vergessenheit, während die meisten Dokumente in den Händen der Ehefrau und der Tochter verblieben.
Die dann 1976

- Pompejanisches Speculum 17. Jahrhundert

- verm. Drahtnahtführer 19. Jahrhundert
in der Klinik wieder aufgefundene Stephansche Sammlung bestand aus insgesamt 184 historischen Einzelinstrumenten, deren Herkunft 3 Jahrhunderte zurückreicht. Eine der Abbildung zeigt ein so genanntes Pompejanisches Speculum aus dem 17. Jahrhundert. In der Folgezeit wurden die Instrumente durch den Autor bestimmt und katalogisiert. Zum Teil handelt es sich dabei um in Deutschland einmalige bzw. um sehr seltene Gegenstände. Das vorletzte Instrument aus dieser Sammlung konnte erst 2002 identifiziert werden. Ein abgebildetes Instrument kann auch heute noch nicht sicher zugeordnet werden, wahrscheinlich handelt es sich um einen Drahtnahtführer aus dem 19. Jahrhundert. Die Stephanschen Instrumente bilden den Grundstock und gleichzeitig wertvollsten Teil der Greifswalder geburtshilflich-gynäkologischen Sammlung.
Zur 100-Jahrfeier

- Schaukasten
des Klinikgebäudes am 15. April 1978 wurde in Zusammenarbeit mit Frau D. Müller, der damaligen Bibliothekarin der Einrichtung, ein Teil der Stettiner Sammlung - allerdings ohne Hinweis auf Stettin - gemeinsam mit Bildmaterial aus der Klinik für drei Tage erstmalig im Hörsaalvorraum der Klinik ausgestellt (Abbildung). In die Präsentation waren auch von Greifswalder Geburtshelfern und Gynäkologen seit dem 18. Jahrhundert publizierte Bücher einbezogen. Seit dieser Zeit wurde nun auch ausgemustertes, zum Teil auch Jahrzehnte auf dem Dachboden gelagertes Instrumentarium der Klinik gezielt gesammelt und somit der Bestand ständig erweitert, ohne dass zunächst Räumlichkeiten für eine Dauerausstellung vorhanden waren. Parallel dazu hat G. Köhler privat zahlreiche Instrumente erworben.
Leider gab es in den 80iger Jahren

- Auszug aus Geburtsbericht von 1841
einige schwere Rückschläge. Auf Anordnung der damaligen Leitung wurden 1981 alle Kranken- und Geburtsunterlagen aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne räumliche Not dem Reißwolf zugeführt. Es gelang jedoch an einem Sommerwochenende unmittelbar vor deren Vernichtung einige wichtige Unterlagen von dem offenen Transportfahrzeug, einem Pferdewagen, zu sichern. Zu den Dokumenten gehörten z. B. Geburtsakten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der Operationsbericht über die erste Ovarektomie, die 1858 noch in dem alten geburtshülflichen Clinicum in der Domstrasse durchgeführt worden war.
Unter den Akten befand sich

- Krankenblatt der ersten Patientin
auch das Krankenblatt der ersten Patientin der 1878 neu eröffneten Klinik, über die erste abdominale Hysterektomie vom März 1879 sowie Operationsberichte des Nestors der operativen Gynäkologie A. Martin. Die Aktion brachte G. Köhler, als er die Unterlagen später einem interessierten Gast aus der Schweiz, der anlässlich einer Studie in Greifswald weilte, noch eine Diebstahlsbezichtigung (!) vor Zeugen ein. Der gerettete Aktenrest bildet heute den wertvollsten Teil der historischen Klinikdokumente. Er wird zurzeit wissenschaftlich aufgearbeitet. Nachlässigkeit von Mitarbeitern hatte unter anderem zur Folge, dass auch wertvolles altes Instrumentarium gedankenlos entsorgt wurde. Dazu gehörten z. B. ein Atmokauter nach Pinkus, der heute selbst international antiquarisch nicht mehr zu erwerben ist, ein Gerätesatz für die Hysterosalpingographie, der von dem ehemaligen Direktor der Klinik Schultze erfunden worden ist und ein Metranoikter in der Weiterentwicklung von Stephan, um nur einige zu nennen. Glücklicherweise konnte zwischenzeitlich durch G. Köhler wieder ein Schultzesches Gerät in Originalverpackung der 30iger Jahre für die Sammlung erworben werden. Mühsam zerschlagen wurde, nicht ohne Stolz auf die ?geleistete Arbeit?, auch ein eichener Untersuchungstisch aus dem 18. Jahrhundert. Dagegen hatten die letzten beiden langjährigen Oberhebammen der Klinik Anni Ulrich und Regina Griep das historische geburtshilfliche Material auf dem so genannten Kreissaalboden akribisch gesichert. Einige geburtshilfliche Instrumente der Sammlung gehörten noch bis vor wenigen Jahren zum so genannten Kreissaalsieb. Der Blondsche Dekapitationsfingerhut wurde zusammen mit mehreren Gigli-Sägen erst 2002 aus einem geburtshilflichen Sieb entfernt, nachdem er über Jahrzehnte nicht angewendet wurde.
Wiederum an einem 15. April, nun zum 115. Jahrestag der Klinik 1993, wurde die Sammlung noch einmal in einem sonst anderweitig genutzten etwa 10 m² großen Bodenraum im ehemaligen Direktorhaus für einige Wochen gezeigt. Zu dieser Zeit waren bereits die meisten Stephanschen Instrumente in ihrer Herkunft und Anwendungsweise bekannt.

- 1993

- 1993

